Necat Kutlar und Thomas Wülfken aka Wülle sind – abgesehen von Geschäftsführer Ole Olsen – die dienstältesten Mitarbeiter bei Digital Collections. Sie arbeiten seit 1995 bzw. 1996 für die Firma. Im Gespräch mit Marketing-Managerin Nina Drewes erinnern sie sich an die vergangenen 20 Jahre.


Ihr beide seid jetzt seit 20 Jahren bei Digital Collections. Wie fühlt sich das an?

Wülle:
Wahnsinn! Ich kann mich noch erinnern, wie ich damals in die Hammerbrookstraße gekommen bin. Ich war auf der Suche nach einem Unternehmen, um meine Diplomarbeit zu Ende zu schreiben. Angefangen hatte ich sie bei der Softwarefirma P.INK, die dann aber Insolvenz anmelden musste. Mit Hilfe eines Kollegen bekam ich ein Vorstellungsgespräch bei DC. Die erste Frage lautete: Wie würdest du eine Datei öffnen? Als ich „fopen“ gesagt habe, war es ok. Da habe ich gleich bestanden. Dieser Befehl gehört zu den Basics der Programmiersprache C, die wir damals benutzt haben.

Necat:
Als ich angefangen habe, war DC in der Eiffestraße in einem Haus im Hinterhof. Sie suchten damals Programmierer, die mit TIFF-Bildern umgehen können. In der Zeitung stand eine Anzeige, die so klein war, dass man sie kaum lesen konnte. Meine erste Aufgabe war es, eine Mac-Applikation zu entwickeln, mit der man JPG- und TIFF-Bilder konvertiert und auf den Server überträgt. Das war die erste native Mac-Applikation, die ich für DC entwickelt habe.

Welche Produktgeneration war denn damals auf dem Markt?
 

Necat: DC3. Dafür habe ich viele Importfilter programmiert und auch das gesamte System ins Türkische übersetzt.

Wülle: Die Datenbank dafür haben die Jungs selbst entwickelt und genau auf das Produkt abgestimmt. Deswegen lief sie auch so gut und tut es immer noch. Es gab damals zwar schon MySQL und Oracle, darauf haben wir aber nicht gesetzt. Wir haben alles selbst entwickelt. Ich habe für DC3 ein Linguistik-Tool – ein sogenanntes Dict-Tool – entwickelt, um Worttrennungen zu machen. Darum ging es auch in meiner Diplomarbeit. Als ich damit durch war, bin ich mit in die DC4-Entwicklung eingestiegen. DC4 ist mit der von Dennis – das war einer der drei Chefs – selbst entwickelten Skriptsprache HTDL geboren. Was wir jetzt in PHP machen, geschah damals in HTDL.

Necat: Dennis wusste damals aber nicht, dass es schon PHP gab.

Wülle:
Genau. Und mit dieser Skriptsprache fing er dann an, auch Applikationen zu bauen. Die erste war eine sogenannte Jukebox-Applikation, mit der man Videos und Musik-Dateien verwalten konnte. Das Ding lief erst auf Windows und wir fingen an, das Ganze als einen Server zu entwickeln, der dann über Webseiten die gesamte Musik im Browser zur Verfügung stellte. Man konnte auch Playlisten anlegen. Für mich was das auch neu: Webseitenprogrammierung mit HTML. Damals gab es noch Browser wie NCSA Mosaic und den Netscape Navigator. Als ich anfing, zu studieren, fing es mit dem World Wide Web so langsam an…

Necat
: …und 1999/2000 ging’s dann richtig los. Und während Dennis HTDL weiterentwickelt hat, aber keine große Unterstützung fand, haben Thies und ich mit PHP angefangen. Die PHP Sources haben wir auf Windows und Linux installiert, angepasst und kompiliert, damit wir Web-Applikationen überhaupt programmieren konnten.

Wülle: Die erste Web-Applikation war das DC4. Erst auf Windows, nachher auch auf Linux in einer HTML-geschriebenen Applikation. Ich habe sehr viel an der Datenbank gearbeitet und auch die DC4-Oracle-Verbindung programmiert. Dann kamen aber Thies und Necat mit dem nächsten Produkt, dem DGS. Das basierte auf dem DC4-Backend, hat aber mit PHP schon ein Frontend gehabt. Also hatte das DC4 nachher zwei Frontends.

Necat
: Und dann kam Tim Strehle, der mit unserem Abteilungsleiter zusammen noch zusätzlich eine Light-Version, DC-L, entwickelte. Wir haben also drei Interfaces gleichzeitig gebaut: DC-L, HTDL und DGS.


Wülle:
 Damit das lief, musste man beide Skriptsprachen kompilieren. Ich habe damals mit Oracle angefangen. Eines Tages hieß es: Hier hast du eine CD, Oracle 8.0.4., da ist eine Text Engine bei – installier das mal. Und das ging gar nicht! Ich habe sehr viel nachgelesen und später sogar einen Fehler bei der Install-Routine gefunden. Wir waren eine der ersten Firmen, die Oracle Text einsetzte. Irgendwann haben wir MS-SQL weggeschmissen und nur noch mit Oracle gearbeitet. Später haben wir nochmal einen Postgres-Pfad gemacht. DC4 kann auf Oracle und Postgres laufen.

Necat: Irgendwann haben wir Fairfax als Kunden gewonnen. Tim und der damalige Abteilungsleiter sind beide für drei Wochen nach Australien geflogen. Dort hat Tim das DC-L so verfeinert, dass daraus ein System wurde. Und das haben wir, als er zurückkam, weiterentwickelt und daraus DC5 gemacht.

Wülle: Fairfax wollte damals sein altes Archiv ablösen. Mit dem DC4 wäre das sehr kompliziert geworden. Also haben wir uns zusammengesetzt, um das DC5 zu entwickeln. Wir haben über die Datenbankstruktur und viele andere Sachen nachgedacht. Das DC5 ist also quasi durch den Kunden getrieben entstanden. DC5 ist heute x-fach installiert. Das System ist sehr wandlungsfähig. Die Installation bei Fairfax habe ich dann letztendlich fortgeführt und auch die Datenmigration gemacht. Jetzt steigt Fairfax gerade auf DC-X um.

Was war für euch die größte Herausforderung in den letzten 20 Jahren?

Wülle: Für mich war das diese Datenbank-Sache. Ich habe ganz viele Schulungen gemacht und vier Monate lang jeden Tag geübt, um die Zertifizierung von Oracle zu bekommen. Das war eine richtige Prüfung, bei der ich Multiple Choice Fragen beantworten musste. Danach war ich dann ein Oracle9i Certified Professional. Für mich war es sehr wichtig, dass ich das machen konnte. Heute weiß ich unheimlich viel über Oracle. Ich habe mich da so reingewühlt, dass ich am Ende sogar mehr wusste als einige Oracle-Supporter, die ich anrief. Denen habe ich ganz oft Bugs gemeldet und fand das irgendwie witzig.

Necat: Ich hatte irgendwann mal angefangen, mich mit Musik- und Videodaten zu beschäftigen. Mit der Programmiersprache Delphi – das ist OOP Pascal-Programmierung – habe ich angefangen, Frames herauszuschneiden und Schnittpunkte zwischen Sequenzen zu finden. Auch Timeline-Berechnung, Farbkorrekturen und das Erstellen von Statistiken waren damit möglich. Dennis fand daran großen Gefallen und wir haben dann zusammen einen Native Video Client entwickelt. Daran haben wir einiges Zubehör angeschlossen, sodass man mit der Kugelmaus Frame für Frame scrollen und Bilder herausschneiden konnte. Das war eine tolle Entwicklung für DC! Leider hat Dennis uns dann verlassen und das Videowissen mitgenommen. Seitdem haben wir da ganz wenig gemacht. Für DC-X habe ich mich später um den Videoeingang gekümmert und mitgestaltet, wie Videoformate ins Webformat konvertiert und daraus Previews und Thumbnails erzeugt werden.

Gibt es noch andere Themen, die euch zufolge auf der Strecke geblieben sind?

Necat: Bei der Musikdatenbank z.B. hätten wir weitermachen können. Und damals hätten wir auch schon mit Smartphones anfangen sollen.

Wülle: Naja, zu Anfang hatten ja noch alle diese Nokias, damit konnte man ja nichts machen.

Wie sahen denn die Computer aus, mit denen ihr angefangen habt?

Wülle: Wir hatten alle Macs.

Necat: Das waren so ganz schmale Desktop-Rechner. Und oben drüber 21 Zoll-Monitore. Die waren riesig und reichten bis da hinten (streckt den Arm aus).

Foto shooting bei DC 1998

Bei DC im Jahr 1998


Wülle
: Und überall standen die ganz alten Server herum. Von BIOS und IBM. Auf den Macs hatten wir ein Programm zum Kompilieren von DC-Quellen. Das hat immer ewig gedauert. Du hast auf „Kompilation“ gedrückt und bist essen gegangen. Und als du wiederkamst war es eventuell fertig.

Necat: Mac hatte damals Probleme. Steve Jobs hatte die Firma verlassen und Apple wusste nicht, in welche Richtung sie gehen sollten. Da herrschte eine zeitlang Stillstand. Irgendwann haben wir die Macs verschrottet und hatten dann eine zeitlang nur Windows-Rechner.

Wülle: Erst dem Imac find Apple wieder an, innovativ zu sein.

Necat: Da war Steve Jobs wieder da.

Wülle: Genau. Aber da waren wir schon auf PC umgestiegen. Heute ist es wieder gemischt, einige arbeiten mit Mac, andere mit PC.

Lassen wir die Technik mal beiseite. An welche Momente des Firmenlebens erinnert ihr euch am liebsten?

Wülle: Ein absoluter Höhepunkt war für mich das Strategie-Meeting im Mai 2008. Es ging darum, eine Richtung auszugeben, wie es weitergehen soll. Vorher hatte ich schon mit Tim, Torsten und André übers DC-X gesprochen und die ersten Strukturen konzipiert. Das war eine Zeit, in der es nicht so gut lief mit den DC5-Installationen. Wir hatten viele Probleme und wussten nicht so richtig, wer was macht und wie die Aufteilung in der Firma war. Deshalb das Meeting. Wir sind nach Dänemark in das Haus von Oles Schwester gefahren und hatten die Autos mit Essen vollgeladen. Zwei Tage haben wir da verbracht. Das Dumme war nur, dass Ole mit seiner Schwester nicht abgesprochen hatte, dass wir Strom brauchten. Dadurch hatten wir natürlich auch kein heißes Wasser. Aber wir hatten einen Grill mit! Also haben wir kalt geduscht und auf dem Grill gekocht. Das war sehr spartanisch und total lustig.
In diesen Tagen haben wir viele Entscheidungen getroffen, unter anderem, dass ich die Support-Leitung übernehme, weil ich das Know-How von all unseren Systemen hatte. Tim sollte sich hauptsächlich mit Entwicklung beschäftigen, Thomas Ammermann ging damals in die Projektabteilung. Auch der Umzug in die Wendenstraße war ein großes Ding. Und von dort dann hierher in die Hindenburgstraße… Für mich war das der zweite Umzug, für dich ja schon der dritte, Necat.

Necat: Ja. Von der Eiffestraße sind wir nach Hammerbrook umgezogen und da waren wir ja einige Jahre…

Wülle: …in einem riesigen Büroraum, der immer total verräuchert war.

Necat: Ja, alle haben geraucht. Du ja gar nicht, oder?

Wülle: Doch, doch.

Necat: Wenn man reinkam, stand man in einer blauen Wolke. Ich habe auch geraucht – um die zwei Schachteln am Tag. Kaffee, rauchen und in die Tastatur hauen wie die Bekloppten. So war das. Früher haben wir auch einmal die Woche zusammen Mittag gemacht. Das war unser Pizza-Tag.

Wülle: Ja stimmt, im Demoraum.

Necat: Und dann haben wir uns unterhalten und jeder sollte irgendwas erzählen. Was Geschäftliches, was Privates, was Witziges oder neue Ideen, Kritik, Verbesserungsvorschläge. Und Frühstück haben wir auch gemeinsam gegessen.

Wülle: Stimmt, das hab ich schon vergessen. Es musste immer einer Brötchen mitbringen.

Necat: Ja, das waren eigentlich schöne Zeiten. Früher haben Thies und Dennis auch ihr Spielzeug in die Firma mitgebracht. Wir haben dann Playstation gespielt. Männer sind eben manchmal wie Kinder.

Wülle: Und Carrera-Bahn! Einmal hat Dennis eine Woche lang die Carrera-Bahn aufgebaut statt zu programmieren. Oder er hat Holzeisenbahnen à la Brio gebaut…

Necat: So eine kleine Abwechslung ist ja nicht verkehrt. Da kommt dann ein bisschen frischer Wind rein und man hat wieder ein tolles Gefühl und ist gut gelaunt – und dann geht’s weiter.

Und jetzt? Seid ihr bereit für die nächsten 10 bis 15 Jahre bei DC?

Wülle: Ja, eigentlich wollte ich hier in die Rente gehen.

Necat: Ich wollte eigentlich nicht für immer hierbleiben, das war nicht mein Ziel. Jetzt sieht es aber so aus als würde ich doch hierbleiben.

Wülle: Ich bin auch gerne hier. Im Moment ist es zwar sehr viel, aber ich mache es gern.

Necat: Wir haben alle gern für DC gearbeitet.

Wülle: Ja, die Leute haben sich immer sehr engagiert und eingebracht. Ich glaube, davon hat die Firma auch gelebt.


*Verfahren zur Wortanalyse für ein Volltextsystem-Recherche-System und Integration einer Plattformunabhängigen Applikation zur Verwaltung der Grunddaten. Zurück nach oben

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