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Agiler Umstieg auf Content-X

Die Bremer Tageszeitungen AG produziert seit Ende Juni 2016 den Weser-Kurier sowie seine Kopf- und Regionalausgaben auf Content-X von PPI Media und Digital Collections. Mit dem Geschäftsführenden Redakteur des Weser-Kurier, Christian Wagner, sprach Druck&Medien über die Umstellung von mehr als 150 Arbeitsplätzen auf das neue Redaktionssystem, die dank des agilen Verfahrens in nur wenigen Monaten durchgeführt werden konnte.

Der Weser-Kurier ist die reichweitenstärkste Tageszeitung im Nordwesten Deutschlands mit einer Leserschaft von mehr als 48 Prozent in Bremen. Die Auflage liegt bei etwa 160.000 Exemplaren. Die Zeitung wird von der Weser-Kurier-Medien-gruppe publiziert, die zum Verlag Bremer Tageszeitungen AG gehört. Zum Portfolio des Weser-Kurier zählen weitere Titel wie die Bremer Nachrichten und die Verdener Nachrichten sowie sieben Regionalausgaben, fünf Bremer Stadtteilausgaben und schließlich die Sonntagszeitung Kurier am Sonntag. Das Pressehaus im Bremer Zentrum ist seit 1957 Hauptsitz des Unternehmens.

DIE AUSGANGSSITUATION

Die Tageszeitungen der Weser-Kurier-Mediengruppe wurden aus vertraglichen Gründen noch bis vor Kurzem mit dem industriellen Redaktionssystem Hermes erstellt. Um medientechnisch, gestalterisch und kommerziell auf den neuesten Stand zu kommen, machte sich der Weser-Kurier im vergangenen Jahr auf die Suche nach einem neuen, für die Anforderungen passenden, Redaktionssystem.

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Der Geschäftsführende Redakteur Christian Wagner (rechts) in der Redaktion des Weser-Kurier.

„Wir produzieren 120 bis 200 redaktionelle Seiten an sieben Tagen in der Woche. Von der Umstellung auf ein neues System waren etwa 150 Mitarbeiter in der Redaktion plus ein Teil der 200 bis 300 freien Mitarbeiter betroffen. Insgesamt läuft die redaktionelle Arbeit an neun Standorten,“ stellt Christian Wagner, Geschäftsführender Redakteur des Weser-Kurier, die Ausgangssituation dar.

„Da wir im Haus bereits seit längerem erfolgreich mit der Blattplanungs-Software Plan Pag von ppi Media und einer Archivlösung von Digital Collections arbeiten, war Content-X natürlich einer von fünf Teilnehmern der Ausschreibung, die es schließlich gewann“, ergänzt Christian Wagner.

PPI MEDIA UND DIGITAL COLLECTIONS

Das Unternehmen PPI Media ist für seine Systeme im Bereich Publishing bekannt und beschäftigt mehr als 130 Mitarbeiter an den Standorten Hamburg, Kiel und Chicago. Dabei sind mehr als ein Drittel des Teams in der Entwicklung tätig. Die Anfänge gehen bis ins Jahr 1984 zurück, als die Pape + Partner Informationssystem GmbH gegründet wurde. Ein Jahr später teilte sich das Unternehmen in die PPI Financial Systems GmbH für das Bankenwesen und die ppi Media GmbH, die Lösungen für die Zeitungsbranche entwickelt. Publishing-Software von PPI Media zur Planung und Produktion von Zeitungen und Magazinen kommt bei Medienhäusern in rund 20 Ländern, darunter Indien und den USA, zum Einsatz.

Bereits seit einiger Zeit verbindet PPI Media eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Digital Collections. Die gemeinsam entwickelte Redaktionslösung Content-X ist seit 2010/2011 auf dem Markt.

Digital Collections ist ebenfalls in Hamburg, unter derselben Adresse wie das PPI-Media-Team, ansässig. Das Unternehmen, das dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert, entwickelt und vertreibt mit etwa 20 Mitarbeitern Digital Asset Management (DAM) Systeme für die Recherche, Klassifizierung und Weiterverarbeitung von Texten, Bildern, Grafiken, Audio- und Video-Dateien sowie für die medienneutrale Content-Erstellung.

DAS REDAKTIONSSYSTEM

Mit Content-X hat der Weser-Kurier ein Redaktionssystem zur Verfügung, das eine effiziente Arbeitsteilung von Reportern und Layoutern gewährleistet. „Während Reporter vor Ort Inhalte medienneutral per Webbrowser erfassen, kümmern sich Editoren im neuen Newsroom um die Ausspielung dieser Inhalte zum richtigen Zeitpunkt auf unterschiedlichen Kanälen,“ erläutert Christian Wagner. „Wir nennen dies das ‚Reporter-Editor-Modell‘. “

Das neue System auf dem Arbeitsrechner mit dem Storyeditor (links) und Indesign, das über ein Plugin in Content-X eingebunden ist (rechts).

Das neue System auf dem Arbeitsrechner mit dem Storyeditor (links) und Indesign, das über ein Plugin in Content-X eingebunden ist (rechts).

Von ppi Media entwickelte Plug-Ins verbinden im Rahmen von Content-X das schon seit einiger Zeit beim Weser-Kurier im Einsatz befindliche DAM-System DC-X mit Adobe Indesign. Die verschiedenen Templates für die Zeitungsseiten aus den 16 Ressorts wurden über Indesign beziehungsweise Indesign-Server im Zuge des Umbaus vom Kunden selbst entwickelt und erstellt. Dabei hat die Firma Doppelklick aus Hamburg als Indesign-Experte die Gestalter beim Weser-Kurier unterstützt.

Der Weser-Kurier bedient die Kanäle Print, Online, E-Paper und künftig auch Social-Media über das Redaktionssystem. Der Fortschritt in der Produktion lässt sich im Tagesablauf über Page View, einen browserbasierten Seitenspiegel, verfolgen.

DAS DAM-SYSTEM DC-X

Grundstein der Redaktionslösung Content-X ist das Digital Asset Management System DC-X. Über den Story-Editor lassen sich Inhalte zentralisiert und medienneutral erstellen und in diverse Kanäle ausspielen. Die Datenbank, die mit My SQL arbeitet, ist bereit für alle gängigen Dateiformate. Die Benutzer erhalten einen browserbasierten und damit standortunabhängigen Zugriff auf die Inhalte.

AGIL ZUR NEUEN ARBEITSWEISE

Es war eine große Herausforderung, alle Ressorts von einem traditionellen Satzsystem auf ein modernes Multichannel-Redaktionssystem umzustellen. „Wichtig war von Anfang an, die Sichtweise zu ändern,“ so Christian Wagner. „Der neue Ansatz ist nicht mehr ‚vom Print her‘ zu denken, sondern die medienneutrale Produktionsweise in den Mittelpunkt zu stellen. Content-X unterstützt dieses Verfahren in vollem Umfang.“

Medienneutrales Publizieren ist Trumpf beim Weser-Kurier. Nicht zuletzt mit dem Redaktionssystem Content-X können die verschiedenen Kanäle übersichtlicher als zuvor bespielt werden.

Eingangs gilt es, die Inhalte medienneutral zu erfassen. In einem nachgelagerten Schritt sorgen die Editoren dafür, dass die Texte und Bilder sowohl redaktionell bearbeitet als auch passgenau und gestalterisch stimmig ins Layout gebracht werden. Editoren sind beim Weser-Kurier Redakteure, die zugleich mediengestalterische Aufgaben übernehmen. Zwei Desks (Regional- und Zentral-Desk) übernehmen die Schlussredaktion.

Im Kick-Off-Meeting im November des vergangenen Jahres entschloss man sich für die Ablösung des Altsystems im laufenden Betrieb. Die agile Vorgehensweise ermöglicht einen Umstieg innerhalb von sechs Monaten. Bei der Umstellung wird bewusst auf ein Pflichtenheft verzichtet. Stattdessen erarbeiten die Teams in enger Kommunikation sukzessive die neuen Workflows. „Das setzt natürlich ein großes Vertrauen zu den Lieferanten voraus,“ so der Geschäftsführende Redakteur.

Bereits zum 1. Januar 2016 läuft das Testsystem, auf dem die Konfiguration schrittweise erarbeitet und dann ab März auf das Produktionssystem übertragen wurde. „Eine große Erleichterung bei der Einrichtung war, dass die Software über den Webbrowser quasi installationslos sofort auf allen Arbeitsplätzen verfügbar wurde,“ stellt Christian Wagner heraus.

SCHULUNGEN IN GRUPPEN

Für die Mitarbeiterschulung wird die Firma Doppelklick beauftragt. Die Software-Trainer – langjährige Indesign-Experten – erhalten im Vorfeld eine Einweisung von den Anbietern des Content-X-Redaktionssystems.

Christian Wagner berichtet, dass die Schulungen in einzelnen Blöcken ressortbezogen durchgeführt wurden: „Theorie und Praxis wurden in einem koordinierten Ablauf in 165 Mann-Tagen parallel zur Produktion vermittelt.“ Die Anwender sind zum Teil frühzeitig von der neuen Arbeitsweise überzeugt und für einige Abteilungen konnte sogar eine vorzeitige Ablösung beschlossen werden.

Vor allem die Reporter sind positiv überrascht von den Vorteilen der neuen Produktionsweise. Content-X strukturiert nicht mehr zeilenweise, sondern bietet im Story-Editor eine exakte Vorschau der Artikel im Seitenlayout sowie auch im Blatt-Umfeld.

Die Editoren, die größtenteils nur das Layout im Hermes kannten, hatten zuvor kaum Erfahrungen mit Indesign. Nach einer steilen Lernkurve wurden aber bald die Vorteile für das Blatt-Design deutlich. „Mit Content-X ist eine opulentere und grafisch anspruchsvollere Optik möglich. Inzwischen haben wir bis zu vier Panoramaseiten pro Ausgabe, die sich mit dem neuen, leistungsfähigen System einfach realisieren lassen,“ stellt Christian Wagner heraus.

Mit Übernahme des ersten Ressorts am 11. März begann dann die konkrete Umstellung im Parallelbetrieb mit dem Altsystem, die planmäßig am 30. Juni abgeschlossen wurde.

DIE WARTUNG

Das Redaktionssystem mit dem DAM und den weiteren Modulen läuft im Fall des Weser-Kurier auf einem Server bei einem IT-Dienstleister in Bremen. Eine 24/7-Hotline bei ppi Media beziehungsweise Digital Collections hilft im Falle von Fragen oder technischen Problemen.

Vor einem Update wird die neue Version in einem Testsystem installiert. Erst danach wird das Programm in das Livesystem eingespielt.

ERSTES FAZIT UND WEITERE PLANUNGEN

Der Geschäftsführende Redakteur des Weser-Kurier zieht kurz nach der Einführung von Content-X ein vorläufiges, positives Resümee: „Mit Content-X erhalten wir mehr Freiheit, Effizienz und eine bessere Verzahnung der digitalen Kanäle. Nicht nur durch die medienneutrale Produktion erwarten wir in kurzer Frist einen auch kommerziellen Erfolg der Neuausrichtung.“

Der Weser-Kurier wird mittelfristig neue Story-Typen im Story-Editor nutzen. Zentral ist auch der Ausbau der Social-Media-Aktivitäten, die sich ebenso über Content-X steuern lassen.

Ab dem Frühherbst werden darüber hinaus Passanten, die am Pressehaus in der Bremer Altstadt vorbeikommen, einen direkten Blick auf die Redaktionsarbeit werfen können. Dabei wird das Modul Page View auf mehreren Displays in der Gläsernen Redaktion zeigen, wie im Laufe des Tages immer mehr Nachrichten und Berichte auf den einzelnen Zeitungsseiten platziert werden; und zwar in Echtzeit.

Druck.u.MedienArtikel als PDF

Text: Alexandra Oettler / Druck&Medien, Oktober 2016